Mit einer Armutsquote von 16,8 Prozent ist erneut eine neue traurige Rekordmarke seit der Vereinigung erreicht

 

Armutsbericht 2018: Paritätischer korrigiert falsche Bilder der Armut und fordert neue Armutspolitik

Pressekonferenz vom 13.12.2018

Ein Drittel der erwachsenen Armen in Deutschland ist
erwerbstätig, jede*r vierte arme Erwachsene ist in Rente oder Pension
und nur ein Fünftel ist arbeitslos, so nur einer der vielen brisanten
Befunde des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes. Der Verband, für den die Paritätische
Forschungsstelle mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (DIW)
gerechnet hat, legt mit dem Bericht eine aktuelle Bestandsaufnahme der
Armut in Deutschland vor. Ein Novum ist, dass der Bericht unter anderem
erstmals der Frage nachgeht, wer die rund 13,7 Millionen Menschen, die
in Deutschland in Armut leben, faktisch sind. Er räumt dabei mit
diversen Klischees und Vorurteilen auf. So trifft offenbar auch die
gängige Formel, Bildung allein schütze vor Armut, nicht zu: Wie die
Analyse des Paritätischen zeigt, weisen fast drei Viertel der ab
25-jährigen Armen ein mittleres oder sogar hohes Qualifikationsniveau
auf.

„Es ist Zeit, dass populäre, aber falsche Bilder über Armut
in Deutschland korrigiert werden. Der Bericht zeigt, dass eine
Neujustierung des armutspolitischen Instrumentariums dringend nötig
ist“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen
Gesamtverbands. Mit Blick auf den hohen Anteil Erwerbstätiger (33,2 %)
und Rentnerinnen und Rentner (24,8 %) unter der Gesamtheit der
erwachsenen Armen sei es fatal, dass die Politik regelmäßig auf die
vergleichsweise unterdurchschnittlichen Armutsrisikoquoten dieser
Bevölkerungsgruppen verweise und das Problem der Altersarmut und der
Armut trotz Arbeit herunterzuspielen versuche. „Angesichts der
vorliegenden Daten gibt es keinerlei Entschuldigung mehr für ein
Nichtstun oder für Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung von Armut im
Alter und bei Erwerbstätigen“, so Schneider. Armut trotz Arbeit sei
dabei entgegen der weit verbreiteten Annahme keinesfalls hauptsächlich
ein Problem von Minijobs, so ein weiterer Befund. „Minijobber machen nur
etwas mehr als ein Viertel der erwerbstätigen Armen aus. Die ganz
überwiegende Mehrheit ist mehr als nur geringfügig tätig und 41 Prozent
sind sogar voll erwerbstätig. Armut geht jedoch vergleichsweise oft mit
befristeter Beschäftigung und Zeit- bzw. Leiharbeit einher“, erläutert
Schneider.

Der Armutsbericht des Paritätischen enthält weiterhin
auch Befunde zur „klassischen Betrachtung“ von Armut, die bestätigen,
dass insbesondere Arbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit geringem
Qualifikationsniveau und Menschen mit Migrationshintergrund
überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind. Dass hier auch nach
Jahren aller politischen Absichtsbekundungen zum Trotz keine
Verbesserung erkennbar ist, sei ein „politischer Skandal“, so der
Verband. Insbesondere die Kinderarmut ist laut Paritätischem
Armutsbericht anhaltend und alarmierend hoch: Nicht nur jedes fünfte
Kind in Deutschland lebt in Armut, sondern auch jeder fünfte arme Mensch
in diesem Land ist ein Kind. Wie die Analysen der Paritätischen
Forschungsstelle zeigen, steigt bei Alleinerziehenden dabei das Risiko
der Einkommensarmut, desto jünger die Kinder sind: Weit über die Hälfte
(56%) der Alleinerziehenden mit zwei und mehr Kindern unter 15 Jahren,
leben in Armut.

Angesichts der Befunde fordert der Paritätische
eine Neujustierung der Armutspolitik, die künftig deutlich breiter
verstanden und ausgerichtet sein müsse. „Die Bekämpfung von Kinderarmut
und insbesondere der Armut unter Alleinerziehenden, Arbeitslosen und
Migranten ist mitnichten obsolet oder zweitrangig. Klar ist jedoch auch:
Die armutspolitische Agenda muss deutlich breiter werden. Armut wird
niemals in der Breite bekämpft werden können, ohne entsprechende
Reformen in der Alterssicherung, ohne eine anspruchsvolle Arbeitsmarkt-
und Mindestlohnpolitik und ohne einen Familienlastenausgleich, der
arbeitende Eltern zuverlässig vor Armut schützt“, fordert Schneider.

Für
das kommende Frühjahr kündigt der Paritätische einen großen
Armutskongress an, der gemeinsam mit DGB, AWO und Nationale
Armutskonferenz ausgerichtet und von zahlreichen Organisationen
unterstützt wird.

Das Pressestatement von Ulrich Schneider finden Sie hier:

181213_Armutsbericht2018_Pressestatement_Schneider.pdf181213_Armutsbericht2018_Pressestatement_Schneider.pdf

Den aktuellen Armutsbericht ist zu finden unter: www.der-paritaetische.de/armutsbericht

Verschiedene Infografiken zum Armutsbericht finden Sie hier:

Details und Anmeldung zum Armutskongress am 10. und 11.04.2019 in Berlin unter: www.armutskongress.de

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