Armut gefährdet laut einer Studie massiv die Entwicklung von Kindern

Ruhrgebiets-Studie zeigt schwere Defizite bei armen Kindern

13.03.2015 | 06:00 Uhr

Ruhrgebiets-Studie zeigt schwere Defizite bei armen Kindern

Armut gefährdet laut einer Studie massiv die Entwicklung von Kindern.Foto: dpa

Essen. Kinder aus Hartz-IV-Familien haben schlechtere
Bildungschancen, das belegt eine Studie. Die Autoren fordern, Städte
sollen gezielt auf Eltern zugehen.

Im Ruhrgebiet wachsen über 28 Prozent der unter 3-Jährigen Kinder in
Armut auf. In Städten wie Essen oder Gelsenkirchen sind es deutlich
mehr als ein Drittel. Eine aktuelle Auswertung von
Schuleingangsuntersuchungen zeigt: Armutsgefährdete Kinder sind schon am
Beginn ihrer Schulkarriere dramatisch benachteiligt. Die Fünf-bis
Sechsjährigen aus Familien, die Sozialleistungen erhalten sprechen
schlechter Deutsch, können nicht so gut lesen, leiden öfter unter
Konzentrationsmängeln und sind häufiger zu dick.

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersuchten das Zentrum für
interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) der Ruhr-Uni Bochum und die
Stadt Mülheim die Ergebnisse von knapp 5000 Schuleingangsuntersuchungen
aus den Jahren 2010 bis 2013. „Dies ist das erste Mal, dass der Einfluss
von Armut auf die Entwicklung von Kindern großflächig und über einen
längeren Zeitraum ausgewertet wurde“, sagt Thomas Groos, Zefir-Forscher
und einer der Autoren der Studie unserer Redaktion.

43 Prozent sprechen mangelhaft Deutsch

Nach Auswertung der Schuluntersuchung stellten die Forscher fest,
dass 43 Prozent der armutsgefährdeten Kinder mangelhaft Deutsch
sprechen, während dies bei nur bei 14 Prozent der Kinder zutrifft, die
in gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen. Probleme mit der
Körperkoordination haben demnach 24,5 Prozent der Kinder aus
Hartz-IV-Familien, bei der Vergleichsgruppe sind es 14,6 Prozent.
Ähnliches gilt bei den Tests zur Visuomotorik, also der Koordination von
Auge und Hand (25 zu 11 Prozent). Probleme beim Zählen haben 28
Prozent, gegenüber 12,4 Prozent.

Soziales

Fast jedes dritte Kind lebt in Hartz-IV-Familie

28,7 Prozent der Unter-15-Jährigen in Oberhausen sind auf diese
Sozialleistung angewiesen. DGB fordert Aktionsprogramm gegen
Kinderarmut.

Die Studienautoren wollen nicht nur auf Defizite hinweisen, sondern
die Kommunen auffordern, aktiv gegenzusteuern. „Kitas in sozialen
Brennpunkten brauchen mehr Geld und Personal“, sagt Regina von Görtz von
der Bertelsmann Stiftung. Es gehe darum „Präventionsketten“ zu bilden,
um Kinder frühzeitig zu fördern. Dazu gehöre auch, Familien gezielt
anzusprechen, um Kindern einen Kita-Besuch zu ermöglichen. Auch Sport-
und Kulturvereine sollten stärker mit Kitas zusammenarbeiten.

Die Landesregierung begrüßt die wissenschaftliche Begleitung des
Modellversuchs „Kein Kind zurücklassen“. Nur so erfahre die Politik,
„welche Maßnahmen sinnvoll sind und wo wir nachsteuern müssen“, sagte
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) unserer Redaktion.

Die Schuleingangsuntersuchung ist für viele Kinder ihr erster
wichtiger Test im Leben. Sie sind aufgeregt – ein großes Ereignis.
Gewicht und Größe werden gemessen, das Kind muss Farben erkennen,
geometrische Figuren nachziehen und einen Menschen malen. Es soll auf
einem Bein hüpfen, beim Würfeln die Zahlen erkennen, Sätze nachsprechen
und eine Bildergeschichte in die richtige Reihenfolge bringen. Aus all
dem kann der Arzt ersehen, ob das Kind reif ist für die Schule.

So zeigt sich Armut: Ergebnisse von knapp 5000 Schuleingangsuntersuchungen.Foto: Denise Ohms

Experten wissen: Je länger ein Kind eine Kita besucht, je weniger es
fernsieht und je stabiler sein soziales Umfeld ist, desto besser
schneidet es in der Regel ab. Wer behütet und abgesichert aufwächst, ist
daher klar im Vorteil. Kinder, die dieses Glück nicht haben, sind schon
beim Beginn ihrer Bildungskarriere im Hintertreffen.

Die Bertelsmann-Studie, erstellt vom Bochumer Zentrum für
interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) und der Stadt Mülheim,
belegt, dass Kinder, deren Familien von staatlicher Grundsicherung
leben, deutlich zurückliegen. Die Schuleingangsuntersuchungen erkennen
bei ihnen mehr als doppelt so häufig Defizite in der Entwicklung wie bei
Kindern, die in gesicherten Verhältnissen aufwachsen.

Zugleich leben sie deutlich zurückgezogener, erläutert Thomas Groos
von Zefir. So erlernen lediglich zwölf Prozent dieser Kinder ein
Instrument, bei der Vergleichsgruppe spielen knapp ein Drittel Geige,
Klavier oder Gitarre. Vor ihrem dritten Geburtstag gehen 31 Prozent der
Kinder aus Hartz-IV-Familien in eine Kita, bei den Übrigen sind es über
47 Prozent.

Konzentration von Armut

Und nur 46 Prozent der armen Kinder sind vor dem Schuleintritt in
einem Sportverein aktiv, bei den anderen Kindern sind es 77 Prozent.
Dabei wirke sich Sport nicht nur positiv auf die körperliche Entwicklung
aus, so die Studienautoren, sondern habe auch einen positiven Effekt
auf das Sozialverhalten und die Sprachkompetenz.

Kinderarmut

Gewerkschaft  prangert wachsende Kinderarmut in Essen an

Gewerkschaft  prangert wachsende Kinderarmut in Essen an

Jedes dritte Kind in Essen lebt von Hartz IV. Vor allem die Dauer
bereitet dem Gewerkschaftsbunds Sorge. Häufig sind dies vier Jahre und
länger.

Auch ein früher Kita-Besuch könne die negativen Folgen von
Kinderarmut mindern, allerdings sei dies kein Automatismus, so Groos.
Ein positiver Effekt tritt nur ein, wenn die Kita-Gruppen sozial
gemischt sind. Groos: „Es gibt eine Konzentration von Armut in
bestimmten Kitas.“ Da für kirchliche Träger die Konfessionszugehörigkeit
ein wichtiges Aufnahmekriterium ist, sehen sich vor allem die
städtischen Einrichtungen mit dem Problem konfrontiert. Um sie zu
unterstützen, stellt die Landesregierung seit 2014 zusätzlich 45
Millionen Euro für Kitas in sozialen Brennpunkten bereit. „Diese
Maßnahmen wirken bereits“, sagt Groos.

"Kein Kind zurücklassen"

Die Wissenschaftler zeigen auch auf, wo die Kommunen ansetzen
können: Sie sollten Eltern gezielt ansprechen, damit sie ihre Kinder
früh in eine Kita bringen. Zudem sollte sportliche Aktivität der Kinder
gefördert werden. Um arme Kinder besser zu erreiche, sollten sich Kitas,
Vereine, Schulen, Eltern und Ämter enger vernetzen.

Die Landesregierung sieht sich durch die Studie in ihrem
Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen“ bestätigt. „Die aktuelle Studie
macht deutlich, dass es durch gezielte Anreize gelingen kann, die
Chancen armer Kinder deutlich zu verbessern“, sagt Ministerpräsidentin
Hannelore Kraft (SPD) dieser Zeitung. „Das heißt aber auch, Ungleiches
ungleich zu behandeln, also die gezielte Förderung und Ausstattung von
Kitas in sozialen Brennpunkten mit mehr Geld, mehr Personal und
spezifischen Förderangeboten“, betont Kraft.

Christopher Onkelbach

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14. März 2015 | 09.19 Uhr

Gütersloh/Berlin

Armut macht dick und dumm

http://www.rp-online.de/politik/armut-macht-dick-und-dumm-aid-1.4943558

http://www.rp-online.de/politik/grosse-defizite-bei-hartz-iv-kindern-im-...