Oxfam kritisiert Ungleichheit
Von Stefan Sauer
Die Jacht des Milliardärs Roman Abramowitsch: 80 Menschen besitzen so
viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.Foto: REUTERS
Vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos kritisiert Oxfam die zunehmende
Ungleichheit. Während ein Prozent der Menschheit über fast die Hälfte
des globalen Reichtums verfügen, müssen sich die übrigen 99 Prozent mit
der anderen Hälfte begnügen. Und die Unterschiede zwischen den Reichen
und dem Rest wachsen.
Das Weltwirtschaftsforum in Davos gilt als eine Art planetarisches Jahrestreffen der Reichen und
Mächtigen. Konzernvertreter, Politiker, Banker, Wirtschaftsexperten und
Wissenschaftler kommen regelmäßig Ende Januar in dem Schweizer Skiort
zusammen, um Themen rund ums Geld zu diskutieren. Die diesjährige
Zusammenkunft, die vom Mittwoch bis zum Samstag stattfindet, setzt
mehrere Schwerpunkte: Es geht um „Innovation und Industrie“, um
„Wachstum und Stabilität“, „Gesellschaft und Sicherheit“ sowie um „Krise und Zusammenarbeit“.
Passend zu diesem
umfangreichen Spektrum legt die britische Hilfsorganisation Oxfam, die
erstmals am Weltwirtschaftsforum teilnimmt, eine bemerkenswerte Studie
zur Verteilung der Besitztümer dieser Welt vor. Demnach verfügt ein
Prozent der Menschheit über fast die Hälfte des globalen Reichtums,
während sich die übrigen 99 Prozent mit der anderen Hälfte begnügen
müssen. Tendenziell haben sich die Unterschiede zwischen den Reichsten
und dem großen Rest in den vergangenen Jahrzehnten nicht verringert, sie
sind gewachsen.
Schere öffnet sich schneller
Nach
dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 sind Arm und Reich laut
Oxfam sogar noch schneller auseinandergedriftet. 2009 besaß das reichste
Hundertstel der Weltbevölkerung demnach „nur“ 44 Prozent des globalen
Reichtums, 2014 waren es schon 48 Prozent und 2016 werden es wohl mehr
als 50 Prozent sein.
Diese Entwicklung führt nicht
nur zu extrem ungerecht verteilten Lebens- und Entwicklungschancen –
sie ist nach Ansicht von Oxfam-Direktorin Winnie Byanyima auch
gefährlich: Wachsende Ungleichheit destabilisiere Regierungen,
konzentriere wirtschaftliche Macht, bremse das Wirtschaftswachstum und
dränge das Gros der Menschen und ihre Interessen an den Rand. „Das ist
die Botschaft der Menschen in den armen Ländern dieser Welt, die wir in
Davos überbringen wollen“, sagt die 56-jährige Uganderin, die persönlich
am Weltwirtschaftsforum teilnehmen wird.
Bereits
im vergangenen Jahr hatte Oxfam im Umfeld des Forums mit schockierenden
Daten zur globalen Verteilung Schlagzeilen produziert: 2013 besaßen
demnach die weltweit 85 reichsten Personen ebenso viel, wie die ärmere,
3,5 Milliarden Individuen zählende Hälfte der Menschheit. 2014 hat sich
dieses Verhältnis laut Oxfam noch weiter zugunsten der Superreichen
verschoben. Im vergangenen Jahr hätten nur mehr 80 Multimilliardäre ihre
Besitztümer zusammenlegen müssen, um die Habseligkeiten von 3,5
Milliarden Menschen aufzuwiegen. 2010 hätte es hierzu noch der 388
reichsten Menschen des Planeten bedurft.
Politik soll gegensteuern
Dass
Ungleichheit nicht nur die ärmsten Länder betrifft, sondern auch
wohlhabende Gesellschaften, zeigen Daten aus europäischen Ländern. In
Großbritannien beispielsweise besitzen 30 Prozent der Gesamtbevölkerung
ebenso viel wie die 100 reichsten Familien der Insel. Letztere mehrten
ihr Vermögen allein im Jahr 2008 um 15 Milliarden britische Pfund. Auch
in Deutschland sind die Unterschiede enorm. Laut dem vierten Armuts- und
Reichtums-Bericht der Bundesregierung besitzen die reichsten zehn
Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte des privaten Nettovermögens.
Die weniger betuchte Bevölkerungshälfte dagegen verfügt gerade über ein
Prozent.
Dass eine solche Verteilung mit der
Vorstellung einer gerechten, auf Leistungsbereitschaft und Solidarität
beruhenden Gesellschaft nicht überein zu bringen ist, haben
Wissenschaftler wie der französische Ökonom Thomas Piketty zeigen
können. Doch auch unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sind allzu
krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht förderlich. Im
Dezember stellte die OECD eine Untersuchung vor, die die
konjunkturschädlichen Wirkungen der zunehmenden Ungleichheit in
Deutschland bezifferte.
Oxfam-Direktorin Byanyima
hat nun im britischen „Guardian“ eine These formuliert, die sich wie ein
Arbeitsauftrag für das Weltwirtschaftsforum liest: „Extreme
Ungleichheit ist nicht das Ergebnis eines Zufalls oder wirtschaftlicher
Naturgesetze, sondern Resultat politischer Entscheidungen – und somit
sind es auch politische Entscheidungen, die Ungleichheit verringern
können.“
http://www.fr-online.de/wirtschaft/weltwirtschaftsforum-in-davos-oxfam-k...