Wo NRW sicherer geworden ist
Die Kriminalitätsstatistik 2025 zeigt eine positive Trendwende, aber auch Problembereiche. Die Ausländerkriminalität wurde neu erfasst.
Düsseldorf NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach am Montag bei der Vorlage der polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2025 von „mehr guten als schlechten Nachrichten“. Seine Erleichterung begründete vor allem ein Balkendiagramm: Im vergangenen Jahr standen mit insgesamt gut 1,3 Millionen Fällen knapp 42.000 weniger zu Buche als 2024 - ein Minus in der Gesamtkriminalität von drei Prozent.
Wie entwickelt sich die Kriminalität in NRW?
In den Jahren 2023 und 2024 hatte die Zahl der erfassten Straftaten in Nordrhein-Westfalen erstmals wieder über dem Niveau von 2017 gelegen, als die CDU das Innenressort von der SPD übernahm und Reuls Aufstieg zum populären „Mr. Null Toleranz“ begann. Zwar kann die Politik die Statistik immer nur begrenzt beeinflussen, doch die Erzählung, dass NRW durch mehr Polizisten, bessere Technik und erweiterte Eingriffsrechte sicherer geworden sei, drohte plötzlich an Plausibilität zu verlieren. Nun jedoch die Trendwende der Trendwende. „Natürlich kann das nächste Jahr schon wieder ganz anders aussehen“, sagte Reul. Ein 18-Millionen-Land wie NRW mit überproportional vielen Großstädten werde so schnell kein „kriminalitätsfreies Schlaraffenland“. Aber Stand heute sage die Statistik: „Nordrhein-Westfalen ist wieder ein Stück sicherer geworden.“ Im Vergleich zu 2016 gebe es fast acht Prozent weniger Kriminalität.
Warum werden nicht mehr Straftaten aufgeklärt?
Die Aufklärungsquote lag im vergangenen Jahr bei 53,7 Prozent. Das ist nur leicht schlechter als die beste der vergangenen 60 Jahre, die im Jahr 2023 erzielt wurde (54,2 Prozent). Je nach Straftat wird ein Fall aber höchst unterschiedlich oft geklärt: Die Aufklärungsquote von Mord und Totschlag etwa lag im vergangenen Jahr bei 93,1 Prozent, jene beim Wohnungseinbruch hingegen bei gerade einmal 12 Prozent. Auch Diebstähle sind schwer aufzuklären. Da sie über ein Drittel aller erfassten Straftaten in NRW ausmachen, ist es nur begrenzt möglich, die Aufklärungsquote spürbar zu verbessern.
Einfluss auf die Aufklärungsquote hat auch die zunehmend genutzte Möglichkeit der Online-Anzeige: 2025 sind auf diesem Wege in NRW über 325.000 Fälle eingegangen, eine Verdreifachung innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Viele dieser Anzeigen seien allerdings unvollständig oder falsch ausgefüllt, erklärte Reul. Das erschwert den Ermittlungserfolg.
Wer sind die Tatverdächtigen?
2025 wurden 478.700 Tatverdächtige registriert, davon 163.077 nichtdeutsche (35,5 Prozent) und 51.960 Deutsche, die mindestens eine weitere Staatsangehörigkeit (17,5 Prozent) haben. Gerade um die gesonderte Erfassung von Doppelstaatlern hatte es heftige Kontroversen gegeben. Reul setzte sich hier gegen den grünen Koalitionspartner durch, weil er mehr Transparenz schaffen will. Hintergrund: Die AfD hatte im Landtag häufig nach Vornamen von deutschen Tatverdächtigen gefragt, um einen möglichen Migrationshintergrund sichtbar zu machen. „Wir haben noch keine Aussage dazu, wie sich das entwickelt, weil wir einfach auch bundesweit die ersten sind, die das machen und weil wir da auch Erfahrung mit sammeln müssen“, erklärte Landeskriminaldirektor Peter Mosch zur neuen Erfassungsmethode.
Welche Rolle spielt die Ausländerkriminalität überhaupt?
Reul fühlt sich durch die Zahlen bestätigt. Jeder sechste deutsche Tatverdächtige besitze noch mindestens eine weitere Staatsangehörigkeit. Die drei häufigsten seien Türkisch, Polnisch und Russisch. Überhaupt seien ausländische Tatverdächtige bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 16 Prozent in NRW „statistisch deutlich überrepräsentiert“. Dies lässt sich zwar erklären, weil hier eben mehr junge, männliche, sozial schlechter gestellte Ausländer leben, die unabhängig von der Nationalität häufiger Straftaten begehen. Aber von der Hand zu weisen ist das Problem eben auch nicht. Außerdem auffällig: Bei Raub und Körperverletzung hatten rund 20 Prozent der deutschen Tatverdächtigen eine zweite Staatsangehörigkeit. Reul ist sicher: „Integrationsfragen und Sicherheitsfragen lassen sich nicht voneinander trennen.“
Wie viele Fälle von Mord- und Totschlag gab es?
Obwohl die Gewaltkriminalität insgesamt rückläufig ist, kam es bei Mord- und Totschlag zu einem Zehn-Jahres-Hoch: 508 Fälle wurden erfasst, ein Plus von 29 im Vorjahresvergleich. Davon blieben 384 unvollendet. Eine Erklärung für den sprunghaften Anstieg in diesem schwersten Verbrechensbereich über die vergangenen Jahre gibt es nicht.
Sind Wohnungseinbrüche in NRW weiter ein Problem?
Ein Bereich, der maßgeblichen Einfluss auf das allgemeine Sicherheitsgefühl hat, ist das Deliktfeld der Wohnungseinbrüche. Hier gingen die Zahlen noch einmal um drei Prozent auf rund 27.500 Fälle nach unten. Im Vergleich zu 2016 hat sich die Zahl der Fälle damit fast halbiert. Eine Erfolgsgeschichte. „Das ist ein echter Unterschied“, freute sich Reul. Als Gründe für die positive Entwicklung führte er ein stärkeres Bewusstsein für Sicherheitsvorkehrung in den eigenen vier Wänden an, das es Einbrechern heute schwerer machte. Und: mehr Homeoffice. Wenn häufiger jemand zuhause ist, sinkt die Gelegenheit für Tageswohnungseinbrüche.
Wie entwickelt sich die Drogenkriminalität nach der Cannabis-Liberalisierung?
Die Drogenkriminalität bleibt ein Riesenproblem in NRW. Zwar ist die Zahl der Cannabis-Straftaten nach der umstrittenen Teillegalisierung durch die frühere Ampel-Bundesregierung um 28 Prozent erwartungsgemäß eingebrochen. Unverkennbar halten aber längst härtere Rauschgifte die Behörden in Atem: Bei Kokain und Crack gab es eine Zunahme der Fälle um 17 Prozent, im Acht-Jahres-Vergleich sogar um mehr als 80 Prozent. „Das ist keine gute Entwicklung. Während wir insgesamt weniger Rauschgiftdelikte zählen, frisst sich Kokain und Crack mit voller Wucht in unsere Städte“, warnte Reul.
Was steckt hinter den vielen Sexualdelikten?
Die Zahl der Sexualdelikte hat sich in NRW seit 2019 verdoppelt. Allein bei Vergewaltigungen ist 2025 ein Plus im Vorjahresvergleich von 8,5 Prozent zu beklagen. Knapp 3800 Menschen sind im vergangenen Jahr Opfer von Vergewaltigungen geworden. Rund ein Drittel davon ist in Ehe oder Partnerschaft passiert. „Was früher verschwiegen wurde, wird heute öfter gemeldet. Das ist gut so“, sagte Reul. Gleichzeitig hätten sich die Tatgelegenheiten verändert. Über soziale Medien und Dating-Apps verabrede man sich schneller mit völlig Fremden. „So entstehen neue Räume, die Täter ausnutzen.“
NRZ 3.3.2026
https://www.nrz.de/politik/article411351795/deutlich-ueberrepraesentiert...
