Rassismus in deutschen Behörden „ist kein Einzelfall“: Dobrindt gibt Studie „gut versteckt heraus“
Stand: 23.02.2026, 19:39 Uhr
Von: Paula Völkner
Rassismus in deutschen Behörden ist laut einer neuen Studie strukturell bedingt. Am Umgang der Merz-Regierung mit dem Ergebnis gibt es nun Kritik.
Berlin – Rassismus in deutschen Behörden „ist kein Einzelfall“. Das ergab eine Studie des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Vielmehr zeigten sich in der Untersuchung Strukturen, die Diskriminierung durch Behörden bedingen oder begünstigen, sagt der Leiter des Forschungsprojekts, Prof. Dr. Gert Pickel, gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Für die Studie „Institutionen und Rassismus“ (InRa) hatten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstmals in großem Umfang Zugang zu staatlichen Institutionen erhalten und über drei Jahre Rassismus etwa in Jobcentern, Jugendämtern und Ausländerbehörden untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass rassistische Diskriminierung in Behörden und Institutionen weitverbreitet ist. Für Irritation sorgte jedoch zunächst die Art der Veröffentlichung durch das Innenministerium.
Rassismus-Studie: Kritik an Dobrindts Ministerium – Ergebnisse seien „gut versteckt herausgegeben“ worden
Das Ministerium unter Führung von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) veröffentlichte die Studie vergleichsweise still, wie auch die Forschenden bemängeln: Die Ergebnisse seien „gut versteckt herausgegeben worden“, sagt Pickel. An einem Freitagnachmittag landete der Bericht in einer Nachricht auf der Website des Innenministeriums – ohne begleitende Pressetermine.
„Herr Dobrindt scheint keine große Lust zu haben, sich mit strukturellem Rassismus in deutschen Behörden ernsthaft zu befassen“, sagte Sina Arnold Sozialwissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin, gegenüber dem Spiegel. Arnold war als eine von 23 Projektleiterinnen für einen Teilbereich der Studie verantwortlich.
Gegenüber dem Magazin kritisiert sie: „Durch die unangekündigte Meldung am Freitag hatten wir noch nicht einmal die Chance, die Veröffentlichung mit eigener Pressearbeit zu begleiten.“ Das Innenministerium bestreitet den Vorwurf, die Studie zu verstecken. Ein Sprecher sagte am Freitag: Der Ergebnisbericht sei auf der Website veröffentlicht und habe damit „breite Zugriffsmöglichkeiten“.
Rassismus in deutschen Behörden: Laut Studie ein strukturelles Problem
Rassismus steckt der Studie zufolge in Routinen, Entscheidungsspielräumen und Organisationsstrukturen. Die Ergebnisse zeigten, dass rassistische Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene nachweisbar sei, jedoch in unterschiedlicher Form und Intensität. Rassismus zeigt sich laut Studie etwa in individuellen Einstellungen einzelner Mitarbeiter, in behördlichen Praktiken und Ermessensspielräumen oder im Umgang mit Beschwerden.
Strukturelle Risiken würden unter anderem durch unzureichende Rechtsgrundlagen entstehen: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gilt bisher nicht für das Verhältnis zwischen Behörden und Bürgern – wer von einer staatlichen Institution diskriminiert werde, könne sich nicht auf das zentrale Antidiskriminierungsgesetz berufen. Auch Sprachbarrieren und regionale Unterschiede im gesellschaftlichen Klima beeinflussten den Behördenalltag und könnten Diskriminierung begünstigen.
Dobrindts Ministerium sieht sich nach Rassismus-Studie bestätigt: „Absolute Ausnahme“
Die Studie (2021–2024) wurde vom Bundesinnenministerium mit sechs Millionen Euro gefördert. Dennoch scheint das Ministerium eine gewisse Distanz erzeugen zu wollen. Auf Anfrage zu der Untersuchung weist ein Sprecher zunächst einmal darauf hin, dass es sich „nicht um einen Bericht der Bundesregierung, sondern um ein Forschungsergebnis eines Forschungsverbundes“ handle, „dessen Beauftragung in der 19. Legislaturperiode erfolgte“.
Man werte die Ergebnisse noch aus, aber in einem sehe sich das Ministerium bereits in seiner „Annahme bestätigt“, erklärt der Sprecher des Innenministeriums gegenüber unserer Redaktion: „Diskriminierung bleibt die absolute Ausnahme.“ Eine zentrale Feststellung sei, dass „die weit überwiegende Mehrheit der Beschäftigten“ im BMI‑Geschäftsbereich „ihre Aufgaben mit hoher Professionalität und vorbildlichem Engagement erfüllt“.
Rassismus in deutschen Behörden: „Keine Einzelfälle“ – Ungleichbehandlung von Ukrainern und Syrern
Der Leiter des Forschungsprojekts betont jedoch: „Es sind keine Einzelfälle.“ Es sei wichtig, dies festzustellen, „denn das zeigt sich auch in der strukturellen Ungleichbehandlung – etwa im Vergleich der Behandlung von syrischen und ukrainischen Geflüchteten“. Pickel verweist beispielsweise auf das Tempo der Verfahren: „Bei ukrainischen Geflüchteten gehen die Verfahren deutlich schneller als bei syrischen Geflüchteten.“ Zudem sagt der Leipziger Soziologe zu dem Beispiel: „Hier gibt es ein klares politisches Setting, das zu dieser Ungleichbehandlung geführt hat.“
Zwar seien die Behörden „nicht durchsetzt von Rassismus“: „Aber es gibt keine Behörde, in der wir keinen Rassismus gefunden haben.“ Zudem weist der Leiter des Forschungsprojekts auf strukturelle Bedingungen hin: „Es gibt Strukturen, die zu Diskriminierung führen.“ Da Behörden jedoch zur Gleichbehandlung von Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet sind, müsse sich „auch die Leitungsebene – im Bund – an die eigene Nase fassen“.
Antidiskriminierungsbeauftragte fordert Dobrindt auf, „sein öffentliches Stillschweigen“ zu beenden
Kritik am Umgang der Bundesregierung mit der Studie äußert auch die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman. Die „bislang umfassendste und wichtigste Untersuchung“ dazu werde von Bundesinnenminister „einfach unter den Tisch gekehrt“, erklärte Ataman am Montag. Sie forderte Dobrindt auf, „sein öffentliches Stillschweigen“ zu der Untersuchung zu beenden.
Die Forschenden gaben 17 Handlungsempfehlungen ab. Dazu gehören unter anderem unabhängige Beschwerdestellen, die Ausweitung des Gleichbehandlungsgesetzes, verpflichtende rassismuskritische Fortbildungen, mehr Transparenz in behördlichen Entscheidungen sowie gezielte Förderung von Mitarbeitenden aus diskriminierten Gruppen. (Quelle: Eigene Recherche, AFP, dpa, Spiegel) (pav)
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